Agiles Verschätzen

Agiles Projektmanagement hält überall Einzug – die Vorteile überzeugen und hören sich vielversprechend an. Einer der Grundgedanken des agilen Ansatzes ist es, mit der Scheingenauigkeit Schluss zu machen und den Auftraggebern nicht das Blaue vom Himmel zu versprechen. Jenes Blaue, das dann am Ende doch nicht gehalten werden kann.

Gewöhnungsbedürftige Schätzmethoden

Das Dreigestirn aus relativer Schätzung, Entwicklungsgeschwindigkeit („Velocity“) und der jeweiligen Teamzusammensetzung erlaubt überraschend gute Vorhersagen auf einen möglichen End- bzw. Releasetermin. Allerdings Vorhersagen auf hohem Niveau und eben ohne Scheingenauigkeit. 

Besonders die relative Schätzung („dieses eine Thema – User Story genannt – ist 3 mal so groß wie das andere Thema") ist gewöhnungsbedürftig und sollte auch der Managementebene bzw. den Linien ernsthaft vermittelt werden. Wer unvorbereitet auf ein Team trifft, das die Aufwände mit „Planning Poker“ ermittelt, hat Erläuterungsbedarf.

Wenn aus Äpfeln Birnen werden

Bitter wird es, wenn sich alte mit neuer Denke ungünstig vermengt. Will heißen, aus Story Points werden Aufwandstage und ganz schnell hat ein Product Backlog eine Aufwandszahl, komplett in Mann-, Frau- oder Personentagen durchkalkuliert, budgetiert und – committet. Alles klingt zwar noch nach neuer Welt, aber in Wirklichkeit wird der gleiche Fehler von früher wiederholt. Nur dass sich das Wording geändert hat…

Agil oder nicht agil, das ist hier die Frage

Agiles Projektmanagement ist nicht der Schlüssel zur universellen Weisheit. Es ist ein interessanter Ansatz, um systematischen Fehlern gerade im Schätzen und gerade in der Vorhersage zu entgehen. Es wird zum neumodischen Feigenblatt, wenn es nur alter Wein im neuen Schlauch ist.