Jeder ist sein eigener Risikomanager

Hier ein neuer Beitrag vom Risk-Doctor Briefing meines Freundes David Hillson. Die deutsch-badische Übersetzung stammt wie immer von mir und entstand Anfang März 2012.

Stell den Risikomanager kalt

Ein neulich erschienener Artikel zum Thema „10 Spitzentipps für effektives Risikomanagement“ beschrieb u.a. eine interessante Idee. Tipp Nummer 4 hieß „Stell den Risikomanager kalt“, wobei der Autor dies nicht als Aufruf verstanden haben wollte, wirklich Hand an diesen Menschen zu legen. Stattdessen schlug er vor, die Rolle des Risikomanagers abzuschaffen. Warum?

Was erwarten Sie von einem Risikomanager? Dass er Risiken managt – was sonst! Das ist aber eigentlich falsch und auch wenig hilfreich. Jeder Einzelne sollte Verantwortung für seine eigenen Risiken übernehmen und dies nicht einer dritten Person überlassen. Warum?

Nun, die Begründung findet sich in der Definition von Risikomanagement als solches.

Alle existierenden Definitionen von „Risiko“ stellen eine klare Verbindung zwischen Risiken und Zielen her. Die ISO-Norm 31000:2009 „Risk Management Principles and Guidelines“ sagt zum Beispiel, dass „ein Risiko eine Auswirkung von Unsicherheiten auf Ziele ist“. Das PMI® definiert in seinem „Practice Standard for Project Risk Management“ ein Risiko als „ein unsicheres Ereignis, dass im Falle eines Eintritts eine positive oder negative Auswirkung auf die Projektziele besitzt“.

Wo immer also Ziele existieren, gibt es auch Risiken, die diese Ziele beeinflussen können. Daher kommt dem Risikomanagement so eine wichtige Bedeutung zu – es zieht unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen Unsicherheiten, die wirklich wichtig sind. Indem wir unsere Ziele mit den Risiken „verbinden“, fällt es uns leichter, diejenigen unsicheren Umstände zu identifizieren, die unsere Erfolgschancen beeinflussen könnten. Dann könnten wir diese unsicheren Umstände – sprich Risiken – priorisieren und aktiv darauf reagieren. Das hilft, negative Dinge erst gar nicht eintreten zu lassen beziehungsweise im Vorfeld vor Bedrohungen geschützt zu sein. Umgekehrt hilft es, positive Dinge zu verstärken beziehungsweise im Vorfeld so zu positionieren, dass man Chancen nutzen könnte.

Daraus folgt, dass es eigentlich nur eine Person geben kann, die sich einem Risiko gezielt annehmen sollte: Nämlich die Person, die das Ziel verantwortet. Wenn ein Risiko eine „Unsicherheit ist, die wichtig ist“, dann ist ein Risiko nur für denjenigen wichtig, der das dazugehörige Ziel verfolgt. Und genau diese Person sollte auch die Verantwortung übernehmen, die Risiken seiner Ziele zu managen – auch wenn er hierfür die Hilfe Dritter in Anspruch nehmen müsste. In diesem Sinne sind wir alle „Risikomanager“ für diejenigen Risiken, die für uns wichtig sind. Nämlich die unserer Ziele.

Heißt das, dass es nun keine risikospezifische Rolle in unserem Projekt oder Betrieb mehr geben sollte? Nicht unbedingt! Es macht noch immer Sinn, jemanden zu haben, der den Risikoprozess verantwortet, der sicherstellt, dass dieser sauber und reibungslos abläuft, der für die Nähe zu den Standards sorgt, der seine Kollegen motiviert und auch inspiriert, aktiv Risiken zu managen und der die erhobenen Daten verwaltet und an Stakeholder berichtet. Nur ist es irreführend, diese Person Risikomanager zu nennen. Stattdessen sollten wir lieber einen Titel wählen, der das Tätigkeitsfeld besser beschreibt. Wie wär’s mit Risikokoordinator, Risikocoach, Risikochampion oder Risikoprozesseigner? Diese Titel beschreiben die Rolle viel besser. Und es hilft, nicht dem Irrglauben zu erliegen, dass jemand anders – jemand Drittes – meine Risiken managt.

Wenn es also in Ihrem Projekt oder Betrieb einen Risikomanager gibt, wäre es vielleicht keine schlechte Idee sie oder ihn zu warnen, dass sein Job in Gefahr ist, solange der Jobtitel nicht umbenannt wird. Jeder sollte verstehen, dass wir alle Risikomanager unserer Ziele sind – von der Führungsetage bis zur Werkshalle.

Sobald ich ein Ziel erreichen möchte, sollte ich wissen, mit welchen Risiken ich rechnen muss, um die Ziele auch wirklich erreichen zu können. Und ich muss Verantwortung übernehmen, diese Risiken auch zu managen. Niemand sonst sollte das für mich tun.

Sie sind der Risikomanager Ihrer Ziele.